World Usability Day 2019 im Ruhrgebiet

„People should not be made to feel stupid by technology“ – heißt es auf der Webseite des World Usability Days (WUD). Jährlich an jedem zweiten Donnerstag im November diskutieren Vertreterinnen und Vertreter aus Forschung und Wirtschaft sowie Interessierte weltweit darüber, wie technische Anwendungen nutzerorientierter gestaltet werden können. Auch im Ruhrgebiet findet wieder ein WUD mit Vorträgen, Speed-Dating und einer Unterhausdebatte statt (Bottrop, 14. November) statt. Warum der WUD heute wohl eher User Experience Day genannt werden würde, was hinter den Begriffen steckt und welchen Beitrag die Forschung leisten kann, erklärt IfADo-Psychologe und Ingenieur Dr. Gerhard Rinkenauer, der den RuhrWUD mitorganisiert.

Herr Dr. Rinkenauer, am 14. November findet der World Usability 2019 statt. Was versteht man unter Usability?

Gerhard Rinkenauer Portrait
PD Dr. Gerhard Rinkenauer.

Gerhard Rinkenauer: Unter der Usability von technischen Systemen oder Produkten versteht man das Ausmaß, in dem Nutzer in einem spezifischen Kontext ihre Aufgabenziele erreichen können. Es geht also um die Gebrauchstauglichkeit. Zum Beispiel wird dabei untersucht, mit welcher Genauigkeit und Vollständigkeit Informationen auf einer Website gefunden werden. Gebrauchstauglichkeit betrifft auch das Maß an Effizienz, bzw. den Aufwand, der vom Nutzer für die jeweilige Anwendung eingesetzt werden muss. Darüber hinaus wird auch beurteilt, wie zufriedenstellend die Nutzung ist. Dabei wird analysiert, welche Beeinträchtigungen es gibt und wie positiv die Einstellung gegenüber einem System oder Produkt ist.

Wenn es um die Gebrauchstauglichkeit von technischen Systemen geht, liest man häufig den Ausdruck „User Experience (UX)“. Handelt es sich dabei um ein Synonym zu Usability?

Gerhard Rinkenauer: Nein, die Begriffe haben unterschiedliche Bedeutungen. Unter User Experience, kurz UX, fasst man die Erlebnisse und Erfahrungen, die der Nutzer bei der Anwendung hat und wie diese Erfahrungen bewusst gestaltet werden können. Während Usability-Untersuchungen vor allem eingesetzt werden, um Technik zugänglicher zu machen, betrachtet User Experience auch subjektive Wahrnehmungen, Gefühle und grundlegende Bedürfnisse des Nutzers, die weit über die Beurteilung von Zufriedenheit hinaus gehen. Das bedeutet eine gute Gebrauchstauglichkeit ist zwar Voraussetzung, aber nicht unbedingt ausreichend für eine angenehme Nutzererfahrung.

User Experience bedarf einer bewussten Gestaltung positiver Erlebnisse, wie beispielsweise das Fahrerlebnis bei der Entwicklung neuer Autos oder positiver Erfahrungen, z.B. durch Assoziation von positiven Urlaubsgefühlen, bei der Gestaltung der Website eines Reiseveranstalters. Aus diesen Gründen betreibt heute niemand mehr Usability, ohne die User Experience im Blick zu haben.

Das heißt, eine Anwendung kann zwar einfach in der Nutzung sein. Wenn ich mich damit aber nicht wohlfühle, sollte das Produkt überdacht werden?

Gerhard Rinkenauer: Auf jeden Fall, insbesondere wenn es ähnliche Konkurrenzprodukte am Markt gibt. Alleine schon am Beispiel der Smartphones sieht man, dass die User Experience einen ganz starken Einfluss darauf hat, wer das Rennen macht. Die Smartphones unterscheiden sich in ihren Funktionen kaum noch. Auch an der Usability ist prinzipiell, zumindest in der Mittelklasse und Oberklasse, nichts auszusetzen.

Was aber die Einführung von neuen Modellen zu einem fast religiösen Ereignis macht, ist die User Experience. Es ist nicht nur das Nutzererleben bei der Nutzung des Produkts. Der Nutzer antizipiert schon die positiven Gefühle, die er bei der Nutzung haben wird, bevor er das Produkt erworben hat. Wir Psychologinnen und Psychologen sprechen dabei von Erwartungsemotionen. Werden diese Erwartungen erfüllt, dann stellt sich auch nach der Nutzung eine starke emotionale Bindung an das Produkt und üblicherweise auch an die Marke ein. Der Schuss kann aber auch nach hinten losgehen. Wird der Nutzer enttäuscht, dann wird er genauso emotional das Produkt ablehnen.Logo Ruhr Wud 2019

UX führt aber nicht nur zu Wettbewerbsvorteilen im Consumer-Bereich, sondern auch in der Industrie: Gerade die Digitalisierung und dadurch verstärkte Automatisierung machen es wichtig, dass die Schnittstellen nicht nur gebrauchstauglich sind, sondern, dass sich der Nutzer auch sicher und wohl bei der Nutzung fühlt. Hier lassen die zunehmenden KI-Anwendungen vor allem in der Wissensarbeit eine bedeutsame Wende in der UX-Gestaltung erwarten. Um die Akzeptanz zu steigern wird beispielsweise auch eine Art digitaler Empathie angestrebt. KI wird eingesetzt, um unsere Emotionen zu erkennen und entsprechend widerzuspiegeln. Diesbezüglich scheint mir insbesondere in Bezug zu User Experience noch ein erheblicher Forschungsbedarf zu bestehen.

Sie arbeiten am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung. Welche Rolle spielen die Themen Usability und User Experience in Ihrer Forschung?

Gerhard Rinkenauer: Usability und User Experience sind für uns ein Teil der „Kognitiven Ergonomie“ und die entsprechenden Methoden sind für uns vor allem in der Anwendungsforschung von großer Bedeutung. Kognitive Ergonomie ist eine Teildisziplin der Ergonomie. Sie setzt sich vor allem mit der Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit menschlicher Informationsverarbeitung auseinandersetzt. Dabei geht es zum einen um das theoretische Verständnis grundlegender Prozesse wie Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Entscheidungsverhalten bei der Kooperation mit technischen Systemen. Zum anderen soll aber auch die Leistungsfähigkeit des Gesamtsystems Mensch-Technik optimiert werden.

Optimieren bedeutet in diesem Zusammenhang jedoch nicht nur eine hohe Leistungsfähigkeit, sondern auch, dass negative Auswirkungen auf den Menschen vermieden und positive Effekte gefördert werden. Bei der Gestaltung von Arbeitssystemen wird daher der Mensch von uns als Hauptfaktor und integraler Bestandteil des zu gestaltenden Systems und der Arbeitsabläufe gesehen. Bezüglich Usability und User Experience versuchen wir diese Konzepte stärker mit psychischer Beanspruchung zu verbinden. Eine positive User Experience kann nämlich auch dazu führen, dass wir gar nicht bemerken, wie stark wir durch die Arbeit beansprucht werden, da wir keine geeigneten Sensoren für psychische Belastung haben.

Vor allem mentale Arbeitsanforderungen von Wissens- und Innovationsarbeit sind schwer zu erfassen, weil sie unbewusst ablaufen. Befragungen, wie sie bei der Messung von Usability und UX verwendet werden, sind eher ungeeignet, weil gerade bei kreativen Arbeiten unbewusste Prozesse ablaufen. Darüber hinaus eignen sich Befragungen in diesem Bereich auch nicht zur subjektiven Beanspruchungsmessung. Auswirkungen von Fehlbeanspruchung, wie beispielsweise psychische Ermüdung, bei anregungsreichen Anforderungen werden nur undeutlich erlebt oder gar verdrängt. Die Entwicklung neuer Methoden, um psychische Beanspruchung und User Experience bei Wissens- und Innovationsarbeit zu evaluieren, ist unumgänglich. Hier nutzen wir auch zunehmend neuroergonomische Zugänge, wie die Messung der Hirnaktivität, um beispielsweise mentale Ermüdung zu erforschen und geistige Arbeit besser verstehen zu können.

Zur Person:
PD Dr. Gerhard Rinkenauer leitet das Zukunftslabor „Mensch-Technik-Interaktion“ am IfADo und ist zuständig für den Bereich „Kognitive Ergonomie“. Dabei handelt es sich um einen Teilbereich der Ergonomie, der sich mit der Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit menschlicher Informationsverarbeitungsprozesse beschäftigt. Der Diplom-Ingenieur und Informationswissenschaftler wurde im Fachbereich Psychologie promoviert und habilitiert.

Zur Veranstaltung:
Seit 2005 findet jährlich am zweiten Donnerstag im November der „World Usability Day“ statt. Die Idee dazu kam von der globalen Organisation für User Experience Professionals mit Sitz in Texas. Insgesamt finden weltweit rund 200 kostenfreie Veranstaltungen in mehr als 40 Ländern statt. Seit 2010 wird auch im Ruhrgebiet ein WUD veranstaltet. Organisiert wird der „RuhrWUD“ von regionalen Unternehmen wie RHaug, der Hochschule Ruhr West und dem Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund (IfADo). Zahlreiche Sponsoren unterstützen die (bis auf die Workshops) kostenfreie Veranstaltungsreihe. Der RuhrWUD 2019 findet am Donnerstag, 14. November, von 13 bis 21 Uhr auf dem Bottroper Campus der Hochschule Ruhr West statt. Die Veranstaltung richtet sich an Personen mit Schwerpunkt Usability und User Experience, Informatik, Projektmanagement, Ingenieurswesen sowie Studierende und alle, die sich für die Interaktion von Mensch und Technik interessieren. Das Programm findet sich hier: https://ruhrwud.de/2019/10/09/programm-ablauf/#more-158

Anmeldungen sind via https://www.eventbrite.de/e/ruhrwud-2019-world-usability-day-ruhrgebiet-tickets-75408040479?aff=ifado möglich. Die Teilnahme ist kostenfrei (Ausnahme Workshops).

Ansprechpartner:
PD Dr. Gerhard Rinkenauer
Leiter des Zukunftslabors „Mensch-Technik-Interaktion“
Telefon: + 49 231 1084-374
E-Mail: rinkenauer@ifado.de