Unter die Haut: Tätowierungen aus toxikologischer Sicht

In Deutschland sind rund 20 Prozent der Bevölkerung tätowiert. Für viele Tattoo-Farbpigmente ist jedoch nicht bekannt, wie sie im Körper wirken. In einer aktuellen Ausgabe der wissenschaftlichen Fachzeitschrift „Archives of Toxicology“ finden sich neue Arbeiten, die sich mit Gesundheitsrisiken durch Tattoos beschäftigen. IfADo-Direktor Prof. Dr. Jan Hengstler und Prof. em. Dr. Hermann Bolt geben die Zeitschrift heraus. Im Interview gehen die beiden Toxikologen auf mögliche gesundheitliche Risiken durch Tätowiermittel ein und benennen Unsicherheiten.

Was sind die häufigsten Beschwerden, die nach Tätowierungen auftreten können?

Jan Hengstler: Am häufigsten sind Überempfindlichkeitsreaktionen. Dabei beginnen die Tattoos stark zu jucken. Dieses Jucken kann oft erst Monate oder sogar Jahre nach der Tätowierung eintreten.

Was passiert im Körper mit dem Tätowiermittel?

 Jan Hengstler: Das ist noch nicht endgültig geklärt. Wahrscheinlich ist aber, dass Abbauprodukte der Tätowiermittel in den unteren Hautschichten an Proteine binden. Dadurch entsteht eine Struktur, die von den körpereigenen Immunzellen als fremd erkannt wird. In der Folge kann es zu Angriffen von Immunzellen auf die Strukturen aus Tätowiermittel und körpereigenen Proteinen kommen. Es dauert oft Monate bis eine solche Immunreaktion voll ausgeprägt ist.

 Wie sieht es mit schwerwiegenden Folgen aus: Sind Tätowierungen krebserzeugend?

Hermann Bolt: Eine wichtige Frage, die jedoch auch noch nicht verbindlich beantwortet werden kann. Die Situation sollte sehr ernst genommen werden. Denn Tätowiermittel können Substanzen enthalten, die bei Aufnahme in den Körper in hohen Mengen Krebs verursachen können. Dazu gehören aromatische Amine und polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe. Substanzen aus diesen Gruppen sehen schön aus, binden aber an die DNA und können das Erbmaterial verändern.

Warum gilt dann ein Zusammenhang zwischen Tattoos und Krebs noch nicht als gesichert?

Hermann Bolt: Es sind noch keine Beobachtungsstudien am Menschen (epidemiologischen Studien) verfügbar, in denen der mögliche Zusammenhang zwischen dem Einsatz bestimmter Tätowiermittel und Krebs eindeutig gezeigt wurde. Es gibt jedoch Beobachtungen, dass Hauttumoren, z.B. ein Keratoakanthome, auf Tätowierungen aufgetreten sind.

Ungeliebte Tätowierungen können weggelasert werden. Was passiert im Körper, wenn Tattoos mithilfe eines Lasers entfernt werden?

Jan Hengstler: Durch die Laserbehandlung entstehen aus den Tätowiermitteln in kleinen Mengen krebserzeugende Produkte. Bekannt ist zum Beispiel das 3,3‘-Dichlorbenzidin.

Noch ist aber nicht sicher, ob durch das Weglasern auch das Krebsrisiko steigt. Dafür wäre es wichtig zu wissen, ob diese Substanzen in ausreichender Menge vorhanden sind und ob sie auch zu den Körperzellen gelangen, aus denen ein Tumor hervorgehen kann. Zu den Folgen des Weglaserns gibt es ebenfalls noch keine epidemiologischen Studien. Denn deren Durchführung ist aufwendig.

 In den diesjährigen „Archives of Toxicology“ Ausgaben finden sich einige Forschungsarbeiten zum Thema Tattoos. Was sind die wichtigsten Erkenntnisse der neuen Arbeiten?

Hermann Bolt: Durch das wiederholte Einführen der Tätowiernadel gibt es einen Abrieb von Chrom und Nickel in der Haut. Gerade Nickel scheint hier bedenklich zu sein, weil es ein starkes Kontaktallergen ist. In einer weiteren Arbeit wurde die lebende menschliche Haut in der Kulturschale nachgebaut. Dadurch kann man jetzt besser untersuchen, welche Mengen schädlicher Substanzen durch die Tätowierung in die Kunsthaut gelangen.

Hintergrund Tätowierungen:

Beispielbild Tattoos.
Symbolbild Tattoo. Foto: Pixabay.

Bei Tätowierungen werden die Pigmente unter die oberste und damit in die mittlere Hautschicht (Dermis) gestochen. In Deutschland unterliegen Tätowiermittel den Vorschriften des Lebens- und Futtermittelgesetzbuchs. Für die Sicherheit der Mittel ist der Hersteller verantwortlich.

Tätowiermittel sind zudem seit 2009 durch die deutsche Tätowiermittel-Verordnung geregelt. Die Verordnung benennt in einer Negativliste Stoffe, welche nicht enthalten sein dürfen. Auf EU-Ebene wird aktuell über ein Verbot bestimmter Pigmente diskutiert.

Publikation:
Editorial (Open Access): Bolt, H. M., Hengstler, J. G.: Tattoo toxicology, an upcoming complex scientific issue. Archives of Toxicology 2020. doi: 10.1007/s00204-020-02822-2

Alle Beiträge der erwähnten Juli-Ausgabe des Journals Archives of Toxicology: https://link.springer.com/journal/204/94/7

Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Prof. Dr. Jan Hengstler
Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund (IfADo)
Leiter Forschungsabteilung „Toxikologie“
Telefon: + 49 231 1084-348/-349
E-Mail: hengstler@ifado.de

Pressekontakt:
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Pressereferentin
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