12. August 2004 Die "bessere" Hälfte?
Am 13. August war internationaler Linkshänder-Tag. Aber nicht nur mit den Händen machen manche alles mit links.
Wer den Urlaub an der Nordsee verbringt, kann im "Nebelspiel" seine
Füßigkeit ausprobieren: einen festen Punkt am Strand oder im Watt
anpeilen, und dann mit verbundenen Augen geradeaus darauf losmarschieren. Zum
Vergnügen der Zuschauer driften die meisten in einer Richtung ab und laufen
am Ziel vorbei. Ob sie links oder rechts abbiegen, hängt von der Füßigkeit
ab. Denn ebenso, wie die meisten Menschen mit rechts schreiben, gibt es auch
bei den Füßen eine Seitenbevorzugung. Und selbst das Auge, mit dem
wir durch ein Schlüsselloch schauen, ist individuell festgelegt, wie auch
das Ohr, an das wir den Telefonhörer halten.
Wissenschaftler vom Institut für Arbeitsphysiologie an der Universität
Dortmund (IfADo) haben untersucht, welche Seiten
bei den genannten Körperteilen begünstigt sind. Nicht weiter erstaunlich
war das Ergebnis, dass über 90 % der Befragten in erster Linie die rechte
Hand einsetzen. Das rechte Auge ist jedoch nur bei 73 % das bevorzugte, ergab
die Umfrage. Damit wird deutlich, dass einige Menschen bei unterschiedlichen
Körperteilen auch verschiedene Seitenbevorzugungen zeigen, was gekreuzte
Lateralisierung genannt wird. "Wir tendieren allerdings dazu, immer dieselbe
Seite zu benutzen", ergänzt Dr. Walter Ehrenstein vom IfADo,
"eine gekreuzte Lateralisierung mit drei rechts- und einem linkslateralisiertem
Körperteilpaar tritt besonders selten auf". Und ungefähr ein
Drittel der Befragten nutzen bei mindestens einem Körperteil beide Seiten
gleich stark.
Gekreuzte Seitenbevorzugung wirkt sich auch praktisch aus. "Wenn ich beispielsweise
ein Bild aus einem Mikroskop abzeichnen will, profitiere ich davon, dass ich
mit der linken Hand zeichne und mit dem rechten Auge schaue", erklärt
Dr. Birgit Arnold-Schulz-Gahmen vom IfADo. Sie
hat somit einen Vorteil bei der Arbeit im Labor.
Ballsportler, so ergab die Studie, bevorzugen überdurchschnittlich häufig
das linke Auge und Ohr und sind oft beidseitig bezüglich der Fußbevorzugung.
Bei den Skirennläufern überwiegen Rechtsfüßer und -händer.
Und Musiker bevorzugen meist das linke Ohr, aber auch das linke Auge, während
sie motorisch eher die rechte Seite bevorzugen, so dass in dieser Gruppe gekreuzte
Lateraliserungen häufig vorkommen. Ein gehäuftes Auftreten gekreuzter
Seitenbevorzugung findet sich auch bei Journalisten.
Ein Blick ins Gehirn erklärt das: Die rechte Hirnhälfte reguliert
die linke Körperhälfte, die rechte Körperseite wird von der linken
Gehirnhälfte gesteuert. Die linke Hirnhälfte ist dabei spezialisiert
auf Funktionen des logischen Denkens, sie steuert die Detailwahrnehmung und
sprachliche Fähigkeiten.
Der rechten Hirnhälfte werden Eigenschaften wie Kreativität und die
Wahrnehmung des Großen Ganzen zugesprochen.
Das gehäufte Auftreten gekreuzter Seitenbevorzugung bei Journalisten wird
so verständlich. In ihrem Beruf benötigten sie sowohl ein hohes Maß
an kreativem Überblick wie auch eine logische Beurteilung einzelner Fakten
- und damit beide Hirnhälften gleichermaßen.
Die bevorzugte Seite schlägt sich übrigens häufig auch im Körperbau
nieder: Die Knochen in bevorzugten Armen und Händen sind minimal länger,
und bei der Füßigkeit bildet das bevorzugte Bein eine stärkere
Muskulatur aus. Die Lateralisierung ist übrigens bei erwachsenen Männern
am stärksten ausgeprägt. Deshalb laufen Männer mit verbundenen
Augen die stärksten Kurven. Bei Kindern ist die Seitigkeit noch nicht so
stark entwickelt. Wer also im Watt von Seenebel überrascht wird, sollte
den Kindern die Führung überlassen, sie finden am ehesten den direkten
Weg zum Land.
Zum Fragebogen zur Seitenbevorzugung
Pressekontakt IfADo:
Dr. rer. nat. Dietmar Gude,
, 0231-1084-303
Um ein Belegexemplar wird gebeten !