Um Sehbedingungen an Arbeitsplätzen ergonomisch zu optimieren, besitzen wir mittlerweile gute arbeitswissenschaftliche Kenntnisse und technische Mittel. Entsprechende Beleuchtungen, Monitore und Büromöbel sind weit verbreitet. Dennoch bestehen bei einem Teil der Beschäftigten Sehbeschwerden. Die Ursache liegt oft in der Art der visuellen Anforderungen: lange Bildschirmarbeit mit einem ständigen Blick auf kleine Details stellt wegen der monotonen einseitigen Anforderung kein physiologisch adäquates Sehen dar. Denn das Sehsystem hat sich im Laufe der Evolution an völlig andere Sehsituationen im natürlichen Umfeld angepasst.
Manche Menschen kommen mit solchen hohen Sehanforderungen zurecht. Bei anderen können jedoch Sehbeschwerden auftreten, wenn individuelle Schwächen in bestimmten Sehfunktionen vorliegen. Denn auch „normalsichtige“ Personen unterscheiden sich oft wesentlich in bestimmten Sehleistungen. Zu den bekannten individuellen Dispositionen gehören z. B. Schwächen im Nahsehvermögen, Farbfehlsichtigkeiten oder Lichtempfindlichkeiten. Ausgeprägte individuelle Unterschiede bestehen auch in der Koordination unserer beiden Augen. Das beidäugige Sehen ermöglicht uns die stereoskopische Tiefenwahrnehmung, z. B. für eine präzise Hand-Auge-Koordination oder für das Erkennen von 3D-Darstellungen in modernen Arbeitssystemen mit „Virtueller Realität“.
Individuelle Schwächen im beidäugigen Sehen gehören zu den wichtigsten Ursachen von eingeschränkten Sehleistungen bzw. Sehbeschwerden. Allerdings bestehen verschiedene Vorstellungen, mit welchen Konzepten und Methoden das beidäugige Sehen in Bezug auf Sehbeschwerden am besten zu untersuchen ist. Trotz umfassender Grundlagenliteratur über das beidäugige Sehen gibt es offene Fragen in Bezug auf arbeitsbedingte Sehanforderungen und -beschwerden, z. B. inwieweit die Sehbedingungen eines Autofahrers sich durch ein Head-up-Display verbessern lassen.
Entsprechend
der Mission des IfADo untersuchen wir arbeitsrelevante
physiologische Prozesse des beidäugigen Sehens, unter besonderer Berücksichtigung
individueller Unterschiede. Individuelle Dispositionen in den Organsystemen
(äußere Augenmuskeln, Akkommodation, kortikale Steuerungs- und Verarbeitungsstufen)
beeinflussen auf der Verhaltens- und Befindensebene die Sehleistungen bzw. -beschwerden.
Unsere Forschung zielt auf die Verbesserung der diagnostischen Möglichkeiten,
individuelle Schwächen im beidäugigen Sehen festzustellen. Zur Optimierung
der Sehleistungen sollen daraus ergonomische Gestaltungsprinzipien abgeleitet
werden, die individuell angepasste Lösungen ermöglichen.
Unsere Forschungsthemen orientieren sich primär am Bedarf, der in bestimmten Anwendungsfeldern besteht; dies ist schwerpunktsmäßig die Diagnostik von Sehbeschwerden und das Sehen am Head-up-Display. Diese nachfrageorientierte Forschung erfolgt auf dem Hintergrund einer Grundlagenforschung. Hier erforschen wir die Validität von Messmethoden für die beidäugige Koordination und physiologische Hypothesen zu den Zusammenhängen zwischen verschiedenen beidäugigen Sehfunktionen. Zwischen unseren angewandten und grundlegenden Forschungslinien gibt es vielfache thematische Verknüpfungen.
Entsprechend diesen vielseitigen Themenstellungen arbeiten wir in einem Team von Kollegen aus mehreren Fachrichtungen, nämlich Psychologie, Ingenieurwissenschaften und Mathematik.
Wir stehen in interdisziplinärem Austausch mit Vertretern mehrerer Fachdisziplinen, in denen das Sehen am Arbeitsplatz vertreten ist (Sinnesphysiologie, Psychologie, Ergonomie, Arbeitsmedizin, Augenheilkunde, Augenoptik). Die Tagungen und Zeitschriften dieser Fachgesellschaften sind für die Verbreitung unserer Forschungsbefunde von Bedeutung.
Für die Forschungsumsetzung entwickelten wir das computergesteuerte Sehtestsystem eye-test PC, mit dem unsere neu entwickelten Prüfmethoden des beidäugigen Sehens Interessenten zur Verfügung stehen.
Welche Gleitsichtbrille am Bildschirm?
Beratungskonzept für den Bildschirmarbeitsplatz
Forschungskonzeption
Das 18. Jahrestreffen des "Arbeitskreises Ophthalmische Optik" wurde von der Projektgruppe "Individuelle Sehleistungen" des IfADo im Haus Villigst in Schwerte ausgerichtet (23.-25.10.2009). (mehr...)