Verschiedenartige Sehtestmethoden werden, in verschiedenen Ländern (USA, Großbritannien, Deutschland) und Berufsgruppen (Augenärzte, Optometristen) angewendet um den Vergenzwinkel zu messen, d. h. den Winkel zwischen den Sehachsen der beiden Augen. So ist es nach wie vor nicht zufriedenstellend wissenschaftlich geklärt, mit welchen Sehprüfmethoden sich am besten feststellen lässt, ob die Sehbeschwerden einer Person auf Schwächen in der beidäugigen Koordination beruhen und welche Maßnahmen gegebenenfalls zu ergreifen sind. Die arbeitsmedizinischen Sehprüfungen (nach dem Grundsatz G37 der Berufsgenossenschaften) sind ergänzungs- bzw. verbesserungswürdig, denn die dabei verwendete Messung der Heterophorie (d. h. ohne einen beidäugigen Fusionsreiz) korreliert kaum mit dem Auftreten von Sehbeschwerden. Mit Messungen der Fixationsdisparität (siehe oben) können dagegen etwa 70 % der Personen mit Sehbeschwerden entdeckt werden (bei etwa 25 % falsch positiven Befunden) (Jaschinski 2005).
Um die Aussagekraft von Tests des beidäugigen Sehens zu verbessern, sollten dynamische Aspekte der Vergenz berücksichtigt werden. Denn es zeigte sich (Gall & Wick 2003), dass Personen mit Sehbeschwerden oft eine geringere Geschwindigkeit für Vergenzänderungen aufweisen, getestet mit Prismen, die häufigeWechsel zwischen konvergenten und divergenten Stellungen der Augen induzieren.
Unsere arbeitsphysiologisch orientierte Erforschung des Binokularsehens will daher einen Beitrag zur Entwicklung von Binokularprüfmethoden leisten, die für die Erklärung von Sehbeschwerden aussagekräftig sind.