Räumlich-zeitliche Modellierung von Gewebetoxizität und Regeneration
Systembiologische Techniken zur Modellierung der Lebertoxizität
ermöglichen die Identifizierung neuer Schlüsselmechanismen.
Zum Beispiel konnten wir zeigen, dass die Orientierung von Hepatozyten entlang
sinusoidaler Endothelzellen ein kritisches Organisationsprinzip darstellt, dessen
Störung mit erheblichen funktionellen Konsequenzen einhergeht (Höhme
et al., 2010).

Abb. 1: Rekonstruktion von Lebergewebe aus konfokalen Laserscans.
Durch die simultane Färbung auf DPPVI (grün), ICAM (rot) und Nuklei
(blau) (B) kann zunächst das Sinusoidalnetzwerk (E) und schließlich
ein ganzes Leberläppchen rekonstruiert werden. Ein Vorteil dieser Technik
der Rekonstruktion ist, dass mit den erhaltenen Daten weiter gerechnet werden
kann. Zum Beispiel ist es möglich, zu ermitteln, welcher Prozentanteil
der Hepatozytenoberfläche mit weiteren Hepatozyten oder mit sinusoidalen
Endothelzellen in Kontakt steht. Durch diese und weitere Kenngrößen
kann die Mikroarchitektur der Leber quantifiziert werden, um zum Beispiel toxische
Einflüsse zu erkennen.

Abb. 2: Konventionelle Darstellung eines zentrilobulären
toxischen Effekts durch CCl4 in der Leber einer Maus. Zwei Tage nach
Intoxikation ist eine zentrale Nekrose als heller, klar demarkierter Bereich
erkennbar. Nach vier Tagen wird die zentrale Nekrose kleiner und ist nach acht
Tagen vollständig geschlossen. Nach zeitaufgelöster Bestimmung von
Prozessparametern wie Proliferation, Zelltod und Zellzyklusparametern kann der
Intoxikations- und Regenerationsprozess in einem räumlich-zeitlichen Modell
(Video 1 und 2) analysiert werden.
Video 1: In dieses Modell wurden alle experimentell bestimmten Prozessparameter
einprogrammiert. Allerdings fehlt den Hepatozyten der Prozessparameter
„oriented cell division“ OCD, der es Tochterhepatozyten ermöglicht,
sich unmittelbar nach der Mitose in Richtung des nahesten Sinusoids zu orientieren.
Das Ergebnis ist eine Störung der Mikroarchitektur des Leberläppchens
während der Regeneration.
Video 2: Regeneration mit „oriented cell division“.
Erst durch Einführung dieses Prozessparameters gelingt die Modellierung
des Regenerationsprozesses in einer Weise, dass er der experimentell bestimmten
Situation der Leber in vivo entspricht.

Abb. 3: Experimentelle Validierung des im Modell
identifizierten Mechanismus der „oriented cell division“.
Nach Rekonstruktion regenerierender Lebergewebe konnte gezeigt werden, dass
Tochterzellen nach der Mitose fast immer entlang des nahesten Sinusoids orientiert
sind. Die Tochterzellen nach Zellteilung sind durch grüne Nuklei identifizierbar.
Video 3: Im Zeitrafferfilm von kokultivierten Hepatozyten und sinusoidalen
Endothelzellen wird deutlich, dass Hepatozyten zu den Endothelzellen migrieren
und bestrebt sind, die Kontaktfläche zu maximieren.
Die virtuelle Leber:
Allgemein
verständliche Hintergrundinformationen zur Aufgabe der Leber und Lebererkrankung
Ausgewählte Publikationen
Stefan Höhme*, Marc Brulport*, Alexander Bauer, Essam Bedawy, Wiebke Schormann,
Rolf Gebhardt, Sebastian Zellmer, Michael Schwarz, Ernesto Bockamp, Tobias Timmel,
Jan G. Hengstler+, Dirk Drasdo+, Cell alignment along micro-vessels as order
principle to restore tissue architecture during liver regeneration: from experiment
to virtual tissues and back, in revision, PNAS, 2009.
Brulport M, Schormann W, Bauer A, Hermes M, Elsner C, Hammersen FJ, Beerheide
W, Spitkovsky D, Härtig W, Nussler A, Horn LC, Edelmann J, Pelz-Ackermann
O, Petersen J, Kamprad M, von Mach M, Lupp A, Zulewski H, Hengstler JG: Fate
of extrahepatic human stem and precursor cells after transplantation into mouse
livers. Hepatology 2007;46:861-70.