Projektgruppe
Molekulare Toxikologie [MolTox]

An Arbeitsplätzen kommen qualitativ und quantitativ unterschiedliche
Belastungen mit Chemikalien vor. Expositionen gegenüber solchen Chemikalien und
deren Aufnahme in den Organismus können zu leichten Irritationen bis hin zu
schwerwiegenden Erkrankungen, wie der Entstehung von Tumoren, führen. Ziel der
Projektgruppe ist es, die durch toxische und krebserzeugende Stoffe ausgelösten
Effekte auf molekularer Ebene zu untersuchen und sie mit pathogenetischen
Prozessen in Beziehung zu setzen. Ein Schwerpunkt der Arbeiten liegt hierbei auf
der Untersuchung der durch Chemikalien ausgelösten Entwicklung von
Harnblasentumoren. Parallel geht hiermit die Identifizierung von Expositions-
und Effektbiomarkern sowie von Genen einher, die für die individuell
unterschiedliche Empfindlichkeit gegenüber Schadstoffeffekten verantwortlich
sind. Chemikalienbedingte Risiken am Arbeitsplatz werden also sowohl schadstoff-
als auch personenbezogen betrachtet und analysiert.
Wissenschaftliche Mitarbeiter/Mitarbeiterinnen
Aktuelle Forschung

- Projektbereich 1 "Urothel, Harnblase und Harnblasenkarzinogenese"
(Alfonso Barbara, Brigitte Begher-Tibbe, Ingeborg Bichbäumer, Kathrin Herbst,
Angufor Numfor, Peter Roos)
Dieser Projektbereich bindet etwa 80 % der Kapazitäten der Projektgruppe und
ist eng mit dem Projektbereich 3 verknüpft, in dem es parallel um die
Entwicklung von Methoden zur Identifizierung von Tumormarkern sowie zur
Untersuchung molekularer Veränderungen in Harnblasenzellen geht.
Lange Zeit galt die Harnblase als inkompetent im Hinblick auf den 'Abbau'
von Schadstoffen. Schadstoffbedingte Effekte in der Harnblase wie eine
Harnblasenkarzinogenese wurden der Leber angelastet, die in den Körper
gelangte Schadstoffe mit Hilfe von Cytochrom P450-Enzymen chemisch
umwandelt. Bei diesem Prozess entstehen chemisch reaktive Intermediate mit
Zell- und DNA-schädigendem Potenzial. Literaturdaten und eigene
Untersuchungen belegen die eigenständige Kompetenz der Harnblase in Bezug
auf den Fremdstoffmetabolismus und damit zur Fähigkeit, reaktive
Zwischenprodukte selbst zu generieren. Hier liegt die Verknüpfungsstelle zur
chemisch induzierten Harnblasenkarzinogenese, die wir unter verschiedenen
Blickwinkeln näher untersuchen.
Die Eigenschaften sowie Effekte von Chemikalien auf Harnblasenzellen
untersuchen wir an humanen Zelllinien sowie an exfoliierten Urothelzellen,
die mit dem Harn ausgeschieden werden. Folgende Fragestellungen werden
bearbeitet:
- Expression und Induzierbarkeit von Cytochrom P450-Enzymen in
Urothelzelllinien sowie in exfoliierten Urothelzellen
- Initiale Effekte von Karzinogenen auf die Expression von Cytochromen P450
in Urothelzellen
- Mechanismen der synergistischen Wirkung von Karzinogenen auf das Cytochrom
P450-System und den Ah-Rezeptorweg in Urothelzellen
- Schnelle Effekte von Karzinogenen auf Komponenten der Zellzykluskontrolle
und der zellulären Signaltransduktion
- Polymorphismen von Genen mit Relevanz für das Harnblasenkarzinom
- Projektbereich 2 "Wirkung von Karzinogenen in
Kombination mit Pflanzeninhaltsstoffen auf die Induktion von Cytochromen
P450 und den Ah-Rezeptorweg in Dünndarmzellen"
(Jeanette Niestroy, Peter Roos)
Die Aktivierung von Rezeptoren durch endogene oder exogene Liganden, wie
Gefahrstoffe, ist ein initialer Schritt für kaskadenartige Reaktionsfolgen,
deren Effekte sich in veränderten Transkriptionsraten sowie veränderten
Protein-Aktivitäten widerspiegeln. Die Signalwege und ihre Komponenten
bieten vielfältige Angriffsmöglichkeiten für Fremdstoffe. Der Ah-Rezeptor (aryl
hydrocarbon receptor) ist eine wichtige Schaltstelle im (Fremd)Stoffwechsel,
da er im Verbund mit anderen regulatorischen Prozessen die Expression der
Cytochrom P450-Enzyme CYP1A1 und CYP1B1 steuert. Letztere sind an der
Verstoffwechselung von polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen
beteiligt und haben Bedeutung als Expositions-Biomarker. Die Funktion und
die Lokalisation des Ah-Rezeptors in der Zelle ist vom Zusammenspiel mit
weiteren Proteinkomponenten abhängig und kann durch Nahrungsbestandteile wie
Pflanzeninhaltsstoffe beeinflusst werden. In diesem Zusammenhang untersuchen
wir den Einfluss von Flavonoiden auf die durch Benzo[a]pyren ausgelösten
Effekte. Die Aufklärung des Zusammenspiels soll Einblick in die
Wirkungsweise von Agonisten und Antagonisten des Ah-Rezeptorwegs gewähren.
- Projektbereich 3 "Quantifizierung von Proteinen
und deren Modifikationen über 'Heteroatome' und Element-getaggte Antikörper
mit Hilfe der Massenspektrometrie" -Kooperation mit dem Institute for
Analytical Sciences (ISAS)
(Ingeborg Bichbäumer, Angufor Numfor,
Peter Roos)
(ISAS: Ingo Feldmann, Larissa Wäntig, Norbert Jakubowski)
Sensible Prozesse auf zellulärer Ebene
sind die Zellteilung und die Zelldifferenzierung. An ihrer Regulation sind
zahlreiche Proteine beteiligt, die ihre Funktion in untereinander vernetzten
Signalwegen ausüben. Die Aktivitäten dieser Proteine werden minutiös
reguliert und kontrolliert, damit es nicht zu fatalen Fehlabläufen der
genannten vitalen Prozesse kommt. Sie sind aber auch anfällig für
Einwirkungen von Schadstoffen. Die Gesamtaktivität einzelner Proteine kann
in der Zelle über den Proteinspiegel, zum Beispiel durch erhöhte
Transkription, gesteuert werden. Bedeutsam ist aber zudem die Regulation auf
der Proteinebene, die über enzymatisch angebrachte Modifikationen der
Proteine erfolgt. Zu diesen sogenannten post-translationalen Modifikationen
gehören beispielsweise die Anheftung von Phosphatresten (Phosphorylierung)
oder kleinere Proteine wie Ubiquitin oder SUMO. Diese Veränderungen haben
Einfluss auf die Proteinfunktion und die Proteinspiegel. Ziel ist es daher,
die komplexen Veränderungen im Proteom an einer Vielzahl von Proteinen
quantifizieren zu können, d. h. Proteine simultan mit ihren verschiedenen
Modifikationen zu erfassen (funktionelles Proteom). Die Entwicklung der
Methoden und ihre Erprobung erfolgt an Hand von Fragestellungen, die die
Harnblasenkarzinogenese sowie die Identifizierung von Harnblasentumormarkern
betreffen.
- Projektbereich 4
"Schadstoffeffekte in Einzelzellen" - Kooperation mit dem ISAS
(Ingeborg Bichbäumer, Peter Roos, NN)
(ISAS: Ingo Feldmann, Joachim Franzke, Larissa Wäntig, Norbert Jakubowski)
Üblicherweise werden durch Schadstoffe bedingte molekulare
Veränderungen, wie Effekte auf Expressionsprofile, in homogenisierten Zellen
oder Geweben gemessen. Das Analysenergebnis stellt somit ein Integral von
Parametern über die Gesamtheit der untersuchten Zellen in einer Probe dar.
Es ist aber eine wichtige Frage, ob verschiedene Veränderungen in ein und
derselben Zelle als einer diskreten funktionellen Einheit realisiert sind. Aus diesem Grunde untersuchen wir mit verschiedenen Ansätzen Karzinogen- und
Karzinogenese-bedingte Effekte in Einzelzellen. Hierzu haben wir bisher
Microfluidik-Zellen genutzt. In einem neuen Ansatz wollen wir zusätzlich
FACS (fluorescence assisted cell sorter) und ICP-MS (inductively coupled
plasma mass spectrometry) einsetzen.
- Foschungsinitiative "Schadstoffwirkungen am Urothel" ("UroTox")
(Meinolf Blaszkewicz, Gisela Degen, Wolfram Föllmann, Klaus Golka, Jan Hengstler,
Peter Roos)
Die Forschungsinitiative "UroTox" vernetzt experimentelle Forschung
zu Chemikalienwirkungen auf Harnblase und Niere (PG Chemikalienrisiken;
PG Molekulare Toxikologie) mit arbeitsmedizinischen Studien zu Risikofaktoren
für Tumoren des Harntraktes (PG Systemtoxikologie;
ZE Klinische
Arbeitsmedizin) und Arbeiten der ZE Analytische
Chemie.
Experimentelle Möglichkeiten
- Microarray-Scanner und Hybridisierungsgerät
- Lightcycler für Echtzeit-PCR sowie konventionelle Thermocycler
- FACS (fluorescence assisted cell sorter)
- HPLC-Apparatur
- FPLC und Niederdruck-Flüssigkeitschromatographie
- Elektrophorese- und Blotapparaturen
- UV/VIS- sowie Fluoreszenz-Spektrofotometer
- Phosphoimager
- Sterilbänke und Brutschränke für Zellkulturarbeiten
- Durchlicht- und Fluoreszenzmikroskop
Aktuelle Drittmittel
- Dissertationsprojekt "Effekt von Flavonoiden auf den Ah-Rezeptorweg
in Dünndarmzellen". Graduiertenkolleg 1427 'Food constituents as
triggers of nuclear receptor-mediated intestinal signaling' an der Universität
Düsseldorf; DFG, 2007-2009
- Deutsch-Indische Kooperation "Pestizid-induzierte Veränderungen
von Expressionsprofilen im Gehirn und in Blutlymphozyten als Expositions-
und Effektbiomarker". Bundesministerium für Bildung und Forschung
(BMBF), 2008-2010
- Großgeräteanschaffung: Fluorescence Assisted Cell Sorter (FACS),
BD Influx Cell Sorter. Ministerium für Innovation, Wissenschaft, Forschung
und Technologie des Landes Nordrhein-Westfalen, 2009
Kooperationspartner/Vernetzung
- Eine intensive Kooperation besteht hinsichtlich der Entwicklung
neuer Analysenverfahren für Harnblasenkarzinom-Marker und
Harnblasenkarzinogenese mit dem Institute for Analytical Sciences (ISAS),
Dortmund. Mit der Arbeitsgruppe von Dr. Jakubowski entwickeln wir neue
Methoden zur quantitativen Analyse von Proteinen und ihren
posttranslationalen Modifikationen auf der Basis massenspektrometrischer
Methoden. Um multiple molekulare Veränderungen in Einzelzellen zu
analysieren, nutzen wir Microfluidik-Systeme in Zusammenarbeit mit Dr.
Franzke vom ISAS.
- Substanzspezifische Effekte auf das Cytochrome P450-System und auf
Zellzyklus-Kontrollmechanismen sind das Thema einer Kooperation mit dem
Institut für Umweltmedizin und Krankenhaushygiene, Universitätsklinikum
Freiburg (Prof. Dr. Mersch-Sundermann).
- Wechselwirkungen von Neurotoxinen mit Cytochromen P450 untersuchen
wir in Zusammenarbeit mit dem Institut für Organische Chemie,
Universität Würzburg (Prof. Dr. Bringmann).
- Zudem bestehen Zusammenarbeiten mit dem Institut für Pathologie,
Universitätsklinikum Essen (PD Dr. Theegarten) hinsichtlich
immunhistochemischer Untersuchungen von Gewebeschnitten (Harnblase,
Niere) sowie mit dem Institut für Toxikologie der
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf innerhalb des
DFG-Graduiertenkollegs (Prof. Dr. Kahl, Prof. Dr. Abel).
- Eine internationale Kooperation zum Thema Pestizidwirkung besteht mit dem
Industrial Toxicology Research Centre, Lucknow, Indien (Dr. Parmar).
Publikationen (aktuelle Auswahl)
- Roos PH, Golka K, Hengstler JG (2008). Predictive biomarkers and
signatures in urinary bladder cancer. Curr Opin Mol Ther 10, 243-250.
- Roos PH, Venkatachalam A, Manz A, Wäntig L, Koehler CU, Jakubowski N
(2008). Detection of electrophoretically separated cytochromes P450 by
element labelled monoclonal antibodies via laser ablation inductively
coupled plasma mass spectrometry. Anal Bioanal Chem 392, 1135–1147.
- Köhler CU, Roos PH (2008). Focus on the Intermediate State: Immature
mRNA of Cytochromes P450 - Methods and Insights. Anal Bioanal Chem 392,
1109-1122.
- Jakubowski N, Messerschmidt J, Garijo Anorbe M, Wäntig L, Hayen H,
Roos PH (2008). Labelling of proteins by use of iodination and detection
by ICP-MS. J Anal At Spectrom 23, 1487-1496.
- Dörrenhaus A, Müller T, Roos PH (2007). Increased CYP1A1 expression
in human exfoliated urothelial cells of cigarette smokers compared to
non-smokers. Arch Toxicol 81, 19-25.
- Roos PH, Belik R, Föllmann W, Degen GH, Knopf HJ, Bolt HM, Golka K
(2006). Expression of cytochrome P450 enzymes CYP1A1, CYP1B1, CYP2E1,
and CYP4B1 in non-invasively obtained transitional cells of the human
urinary tract. Arch Toxicol 80, 45–52.
- Roos PH, Bolt HM (2005). Cytochrome P450 interactions in human
cancers: new aspects considering CYP1B1. Expert Opinion Drug Metab
Toxicol 1, 187–202.
- Roos PH, Tschirbs S, Hack A, Welge P, Wilhelm M (2004). Different
mechanisms of mammalian species to handle ingested polycyclic aromatic
hydrocarbons: Organ-specific response patterns of CYP1A1-induction upon
oral intake of PAH-contaminated soils in mipigs and rats. Xenobiotica
34, 781–795.
- Lemm F, Wilhelm M, Roos PH (2004). Occupational exposure to
polycyclic aromatic hydrocarbons suppresses constitutive expression of
CYP1B1 on the transcript level in human leukocytes. Int J Hyg Environ
Health 207, 325–335.
Folgende Co-Produktion zwischen der Projektgruppe "Molekulare Toxikologie"
und seinem Leibniz-Schwesterninstitut ISAS (Instiute for Analytical Sciences,
Sektion "Mathematik und Naturwissenschaften" ist gelungen… (mehr...)
Ausserdem sind gleich zwei gemeinsame Veröffentlichungen im Journal
of Analytical Atomic Spectrometry in die Top Ten-Liste gerückt... (mehr...)