Koordination: apl. Prof. Dr. med. Michael Falkenstein
Der Anteil von Personen im höheren Erwerbsalter nimmt in Deutschland und anderen europäischen Ländern zu. Gleichzeitig findet sich eine Tendenz zum vorzeitigen Ausscheiden aus dem Erwerbsleben. Die Kombination beider Entwicklungen führt zu Krisen der sozialen Sicherungssysteme und in vielen Branchen zu Schwierigkeiten, den Bedarf an qualifizierten und leistungsfähigen Arbeitskräften zu decken. Es ist daher ein wichtiges Ziel zu überprüfen, inwieweit die weitgehend negative Einstellung von Betrieben gegenüber älteren Arbeitnehmern/Arbeitnehmerinnen aus (arbeits)physiologischer Sicht gerechtfertigt ist. Insbesondere gilt es hier, neben den Schwächen Älterer auch ihre Potenziale herauszuarbeiten. Ältere schneiden zwar in manchen Laboraufgaben in der Tat schlechter ab als Jüngere, im Arbeitsleben zeigen sie hingegen kaum ernsthafte Defizite.
Zur praktischen Gestaltung altersdifferenzierter Arbeitssysteme bedarf es als Basis zunächst einer grundlagenorientierten kognitiven und neurophysiologischen Alternsforschung. Im Zentrum steht dabei die Frage, welche spezifischen kognitiven Prozesse sich über die Lebensspanne in welcher Weise verändern bzw. inwieweit sich die gesamte kognitive Architektur zur Realisierung von bestimmten geistigen Leistungen altersbedingt verändert. Aus anwendungsorientierter Perspektive ist dann zu klären, inwieweit sich solche Veränderungen günstig oder ungünstig auf bestimmte Tätigkeiten auswirken, also kurz gesagt die Frage, welche Arten von Arbeiten besonders für ältere oder aber für jüngere ArbeitnehmerInnen geeignet sind. Auf einer globaleren Ebene erhebt sich der Fragenkomplex, welche organisatorischen, technischen und sozialen Bedingungen Leistungsfähigkeit und Gesundheit insbesondere im höheren Alter unterstützen. In diesem Zusammenhang ist zu untersuchen, inwieweit z. B. Trainingsmaßnahmen und/oder der Einsatz neuer Technologien altersbegleitende Veränderungen positiv beeinflussen können.
Das IfADo trägt auf mehreren dieser Ebenen zum Thema Alter und Arbeit bei. Dazu hat sich eine Forschungsinitiative gegründet, welche das Thema im Wesentlichen aus der Perspektive von Funktionen oder Organsystemen bearbeitet. Eine Gruppe ergänzt diesen funktionsbezogenen Ansatz durch eine praktisch-sozialpsychologische Perspektive. Die Gruppen, die die Forschungsinitiative tragen, sind mit drei Einzelprojekten am Schwerpunktprogramm "Altersdifferenzierte Arbeitssysteme" der DFG beteiligt, ebenfalls an der Initiierung und Koordination dieses Programms.
Die Projektgruppe Individuelle Sehleistungen untersucht die speziellen Sehsituationen von alterssichtigen Personen, die zum Ausgleich ihrer nachlassenden Akkommodationsfähigkeit oft spezielle Brillen am Bildschirmarbeitsplatz benötigen. Trägt man eine gewöhnliche Gleitsichtbrille (für das Scharfsehen beim Autofahren und das Lesen von Texten), so ist ein scharfes Sehen bei einer konventionellen, relativ hohen Bildschirmaufstellung nicht möglich. Heutige Flachbildschirme (und in Zukunft auch "elektronisches Papier") erlauben es jedoch, eine tiefere und flachere Bildschirmposition zu wählen und so den Bildschirm an den individuellen Bereich des Scharfsehens anzupassen, der bei der jeweiligen Gleitsichtbrille vorliegt. Durch eine solche konsequente ergonomische Optimierung der Bildschirmposition könnten in manchen Fällen spezielle Bildschirmarbeitsplatzbrillen entbehrlich werden.
Die Projektgruppe Altern und ZNS-Veränderungen untersucht, inwieweit arbeitsrelevante kognitive Prozesse, insbesondere exekutive oder Kontrollprozesse, altersbedingt verändert sind. Hierzu werden neben Verhaltensmaßen ereigniskorrelierte Potenziale (EKP) genutzt, die kognitive Prozesse in ihrem Zeitverlauf und ihrer Intensität abbilden. Im Rahmen der Initiative soll untersucht werden, unter welchen Bedingungen und bei welchen Tätigkeiten von Älteren Kompensationsprozesse, beispielsweise eine im Vergleich zu Jüngeren stärkere Aufgaben-Vorbereitung, eingesetzt werden. Solche Vorbereitungsprozesse lassen sich mit Verhaltensmaßen schwer aufdecken, jedoch mit EKP direkt darstellen und dadurch die Veränderungen quantifizieren. Zudem werden in der Projektgruppe verschiedene Interventionen (körperliches Training, kognitives Training) auf ihre Wirkung auf Kontrollprozesse untersucht. Schließlich wird untersucht, inwieweit kognitive Defizite im Alter die Verkehrsteilnahme beeinträchtigen und inwieweit dem durch Training und Schulung entgegen gewirkt werden kann.
Die Projektgruppe Transformierte Bewegungen beschäftigt sich mit Werkzeugtransformationen, d. h. der Ausübung zielgerichteter arbeitsrelevanter Bewegungen unter Zwischenschaltung von oft nichtlinearen Systemen ("Werkzeuge") zwischen Handbewegung und Effekt. Hier wird untersucht, welche Randbedingungen zu Altersunterschieden beim Erlernen von Transformationen und beim Umgang mit ihnen führen und durch welche Gestaltungsmaßnahmen altersbedingte Leistungseinbußen möglichst vermieden werden können.
Die Projektgruppe Moderne Mensch-Maschine-Systeme untersucht im Rahmen der Initiative altersbedingte Veränderungen visuell-räumlicher Aufmerksamkeit im 2-D- und 3-D-Raum. Visuell-räumliche Aufmerksamkeit ist von großer praktischer Relevanz für eine Vielzahl von Tätigkeiten, z. B. das Autofahren. Insbesondere die Aufmerksamkeit im 3-D-Raum ist bisher nur unzureichend untersucht. Daher werden in dieser Projektgruppe theoretische Zugänge und Untersuchungsparadigmen entwickelt, um die entsprechenden Aufmerksamkeitsprozesse besser aufklären zu können. Eine zentrale Frage ist dabei, wie sich diese Prozesse über die Lebensspanne verändern. Bei den Untersuchungen werden neben Verhaltensmaßen auch ereigniskorrelierte Potenziale (EKP) erhoben, um die Aufmerksamkeitsprozesse in ihrem Zeitverlauf und ihrer Intensität abbilden zu können. Die Erkenntnisse aus den durchgeführten Studien fließen auch in Überlegungen zur Gestaltung von altersunabhängigen Schnittstellen ein.
Die Projektgruppe Flexible Verhaltenssteuerung ergänzt den funktionsspezifischen Ansatz durch eine mehr praktisch-sozialpsychologische Perspektive. Ausgangspunkt ist die Frage, welche Vorteile (z. B. Nutzung von Erfahrungsunterschieden bei der Problemlösung) und Nachteile (z. B. in Form von Gruppenkonflikten) altersgemischte Arbeitsgruppen haben. Das Ziel des Vorhabens besteht darin, Einflüsse der Altersheterogenität in realen Arbeitsgruppen auf Indikatoren der Arbeitsmotivation, der Gruppenleistung sowie der Gesundheit der Gruppenmitglieder zu untersuchen, wobei potenzielle Moderatorvariablen kontrolliert werden. Als Moderatorvariablen werden z. B. die kognitive Salienz und die individuelle Wertschätzung der Altersheterogenität der Gruppenmitglieder erfasst.
Die Projektgruppen Systemtoxikologie und Altern und ZNS-Veränderungen sowie die Zentralen Einrichtungen Klinische Arbeitsmedizin und Wahrnehmungskybernetik haben ein Gemeinschaftsprojekt begonnen, bei dem es um die Beziehung zwischen genetischer Disposition und kognitiven Funktionen im Alter geht. Grundlage hierfür ist die Tatsache, dass die Leistungsvarianz in kognitiven Funktionen im Alter stark zunimmt. Ziel dieses Gemeinschaftsprojektes ist es, die Stärke des genetischen Einflussfaktors auf die Leistungsvarianz im Alter abzuschätzen.