Wann Mitarbeiter von Handlungsspielräumen im Job profitieren

Wer bei der Arbeit viel zu tun hat und unter Zeitdruck steht, profitiert davon, wenn er frei über die Arbeitseinteilung entscheiden kann. Handlungsspielräume im Job können uns aber auch schaden, wie eine aktuelle Studie (Open Access) des Leibniz-Instituts für Arbeitsforschung zeigt. Denn es kommt darauf an, was vorrangig verlangt wird: Ist der Job eher durch Emotionsarbeit statt Zeitdruck gekennzeichnet, können Mitarbeiter von geringeren Handlungsspielräumen profitieren. Demnach erscheinen in emotional belastenden Berufen, in denen bestimmte Gefühle nach außen gezeigt werden sollen, konkrete Richtlinien hilfreicher als Freiheiten.Frau im Büro überfordert (Symbolbild).

Die Abgabefrist rückt näher, auf ein Meeting folgt das nächste und dann wartet noch ein anspruchsvoller Kunde: Laut einer Eurofond-Erhebung[1] beklagt rund jeder dritte Angestellte in der EU, unter zu hohem Zeitdruck arbeiten zu müssen. Gleichzeitig erfordern viele Tätigkeiten, bestimmte Emotionen nach außen zu zeigen, auch wenn diese nicht mit den tatsächlich erlebten Gefühlen übereinstimmen, z.B. im Kundenkontakt. Unsere Gefühle den Erwartungen des Unternehmens anpassen zu müssen, strengt uns enorm an und kann langfristig zu Burnout führen – ähnlich wie ein auf Dauer zu hoher Workload.

In der arbeitspsychologischen Forschung ging man bisher generell davon aus, dass Handlungsspielräumen, also die Möglichkeiten eigenständig entscheiden zu können, wann und wie eine vereinbarte Aufgabe bearbeitet wird, förderlich für das psychische Wohlergehen der Mitarbeiter sind. Fraglich war bislang jedoch, ob Handlungsspielräume bei unterschiedlichen Formen von Arbeitsanforderungen ähnlich positive Effekte aufweisen. PsychologInnen des Leibniz-Instituts für Arbeitsforschung an der TU Dortmund (IfADo) haben jetzt die Wechselwirkung von Handlungsspielräumen und verschiedenen Arbeitsanforderungen untersucht.

Selbsteinschätzung per Onlinebefragungen

Für die Studie haben die Forschenden Daten von rund 140 Beschäftigten eines Versorgungsunternehmens analysiert. Die Beschäftigten wurden zweimal im Abstand eines halben Jahres befragt und haben Fragen zu ihrer Arbeitssituation in Form von Online-Fragebögen beantwortet. Dabei wurde unter anderem gefragt, wie hoch sie ihre Handlungsspielräume am Arbeitsplatz einschätzen, wie erschöpft sie sich fühlen, ob sie oft unter Zeitdruck arbeiten und ob sie ihre Emotionen regulieren müssen. „Unsere Ergebnisse verdeutlichen, dass ein hohes Maß an Handlungsspielräumen während der Arbeit förderlich für die Gesundheit sein kann. Das gilt aber nicht für alle Berufe. Denn teilweise sein eigener Chef zu sein, kann uns auch schaden,“ sagt IfADo-Studienautorin Anne-Kathrin Konze.

Während sich Personen mit hohem Arbeitspensum und vielen Abgabefristen weniger erschöpft fühlen, wenn sie die eigenen Arbeitsabläufe selbst bestimmen können, können große Handlungsspielräume Berufstätige belasten, die bei der Arbeit ihre tatsächlichen Gefühlen anpassen müssen.

Handlungsfreiheit je nach Arbeitsanforderung

Denn wenn uns Freiheiten eingeräumt werden, sind wir selbst dafür verantwortlich, den Arbeitstag so zu strukturieren, dass wir vereinbarte Aufgaben fristgerecht erledigen. „Das erfordert ein hohes Maß an Selbstkontrolle – ähnlich wie beim Umgang mit Kunden, bei dem wir unsere Gefühle im Griff haben müssen. Beides zusammen kann schnell zu viel werden“, so Arbeitspsychologin Konze.

In der Praxis sollten Arbeitgeber zunächst klären, was vom jeweiligen Beschäftigten schwerpunktmäßig verlangt wird. Ist die vorrangige Arbeitsanforderung ermittelt, kann entschieden werden, wie selbstständig jemand arbeiten sollte. Handelt es sich um Tätigkeiten unter hohem Zeitdruck, sind Spielräume förderlich.

„Bei emotional belastende Tätigkeiten beispielsweise im Service- und Verkaufsbereich können jedoch Richtlinien helfen, das Wohlbefinden des Personals zu steigern“, rät Konze. Denn in anspruchsvollen Situationen wie beispielsweise dem Umgang mit Kundenbeschwerden ad-hoc selbst über eine Vorgehensweise zu entscheiden, kann die Beschäftigten zusätzlich belasten. Vorgegebene Verhaltensstrategien für solche Situationen könnten die Beschäftigten hingegen entlasten.

[1] s. Sixth European Working Conditions Survey

Publikation:
Konze, A-K., Rivkin, W., Schmidt, K-H. (2017). Is Job Control a Double-Edged Sword? A Cross-Lagged Panel Study on the Interplay of Quantitative Workload, Emotional Dissonance, and Job Control on Emotional Exhaustion. Int. J. Environ. Res. Public Health, 14, 1608. doi: 10.3390/ijerph14121608 (Open Access)

Ansprechpartnerin:
Anne-Kathrin Konze
Wissenschaftliche Mitarbeiterin „Flexible Verhaltensforschung“
Telefon: + 49 231 1084-237
E-Mail: konze@ifado.de

Pressekontakt:
Eva Mühle
Pressereferentin
Telefon: + 49 231 1084-239
E-Mail: muehle@ifado.de

Das IfADo – Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund erforscht die Potenziale und Risiken moderner Arbeit auf lebens- und verhaltenswissenschaftlicher Grundlage. Aus den Ergebnissen werden Prinzipien der leistungs- und gesundheitsförderlichen Gestaltung der Arbeitswelt abgeleitet. Das IfADo hat mehr als 200 Mitarbeiter/innen aus naturwissenschaftlichen und technischen Disziplinen. Das Institut ist Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft, die 93 selbstständige Einrichtungen umfasst. Die Leibniz-Institute beschäftigen rund 18.600 Personen, darunter 9.500 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Der Gesamtetat der Institute liegt bei 1,7 Milliarden Euro.