World Usability Day 2016: Hilfreiche Technik

binary-1607196_1280
Am 10. November findet der WUD 2016 statt.

An jedem zweiten Donnerstag im November knüpft der World Usability Day (WUD) ein weltweites Band zwischen Forschung, Industrie, Bildung, Verwaltung und Benutzern. Experten und interessierte Laien beschäftigen sich mit Gebrauchstauglichkeit, Mensch-Maschine-Interaktion und aktuellen Technik-Trends im Produkt-Design. Dabei lautet das Ziel: „To ensure that technology helps people live to their full potential and helps create a better world for all citizens everywhere“. Zu Themen wie Usability, User Experience und modernen Mensch-Maschine-Interaktionen forscht Dr. Gerhard Rinkenauer vom Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund (IfADo) seit Jahren. Die wichtigsten Fragen zum WUD 2016 beantwortet er im Folgenden:

Herr Dr. Rinkenauer, was bedeutet Usability und was versteht man unter User Experience?
Rinkenauer:
Unter Usability von technischen Systemen oder Produkten versteht man das Ausmaß, in dem Nutzer in einem spezifischen Kontext ihre Aufgabenziele erreichen können. Es geht um die Gebrauchstauglichkeit. Zum Beispiel wird untersucht, mit welcher Genauigkeit und Vollständigkeit Informationen auf einer Website gefunden werden. Zudem geht es um das Maß an Effizienz, das bedeutet, welcher Aufwand vom Nutzer für die jeweilige Aufgabe eingesetzt werden muss. Darüber hinaus wird auch beurteilt, wie zufriedenstellend die Nutzung ist: Es wird analysiert, welche Beeinträchtigungen es gibt und wie positiv die Einstellung gegenüber einem System oder Produkt ist.

Unter User Experience fasst man zusätzlich die Erlebnisse und Erfahrungen, die der Nutzer bei der Anwendung hat, und wie diese Erfahrungen bewusst gestaltet werden können. Während Usability-Untersuchungen vor allem eingesetzt werden, um Technik zugänglicher zu machen, betrachtet User Experience auch subjektive Wahrnehmungen, Gefühle und grundlegende Bedürfnisse des Nutzers, die weit über die Beurteilung von Zufriedenheit hinaus gehen. Das heißt: Eine gute Gebrauchstauglichkeit ist zwar Voraussetzung, aber nicht unbedingt ausreichend für eine angenehme Nutzererfahrung. User Experience bedarf einer bewussten Gestaltung positiver Erlebnisse, wie beispielsweise das Fahrerlebnis bei der Entwicklung neuer Autos oder positiver Erfahrungen, z. B. durch Assoziation von positiven Urlaubsgefühlen, bei der Gestaltung der Website eines Reiseveranstalters.

rinkenauer
Dr. Gerhard Rinkenauer leitet die Projektgruppe „Moderne Mensch-Maschine-Systeme“ am IfADo. @IfADo

Im Zusammenhang Mensch-Maschine-Interaktion fällt immer öfter das Schlagwort Industrie 4.0. Was wird mit diesem Ausdruck beschrieben?
Unter Industrie 4.0 versteht man eine weitere Stufe in der Automatisierung der Produktion. In dieser vierten Stufe spielt das Internet als Infrastruktur eine zentrale Rolle. Physikalische Objekte, wie beispielsweise Sensoren und Antriebselemente, sind mit Hilfe sogenannter Cyber-physikalischer Systeme untereinander und mit dem Internet verbunden. Die physikalische Welt verschmilzt also mit der virtuellen Welt. Unternehmen werden künftig in die Lage versetzt, Maschinen, Lagersysteme und Betriebsmittel so zu vernetzen, dass diese eigenständig Informationen austauschen, Aktionen auslösen und sich wechselseitig selbständig steuern können.

Es wird erwartet, dass die Entwicklungen von Industrie 4.0 einen großen Einfluss auf die Beschäftigung an sich und die Arbeit in Unternehmen haben werden. Es geht um Fragen der Lernförderlichkeit von digitalisierten Arbeitsumgebungen und dem Zusammenwirken von Robotern und Menschen, sowie um neue Chancen in Bezug auf arbeitsorganisatorischen Lösungen. Am IfADo interessieren wir uns dafür, wie die neuen Möglichkeiten von Industrie 4.0 für die Assistenz des menschlichen Mitarbeiters genutzt werden können.

 Wie sollten diese Assistenzsysteme gestaltet sein?
Generell können Usability- und User-Experience-Messungen auch auf Assistenzsysteme angewendet werden. Darüber hinaus sind jedoch noch weitere Aspekte zu berücksichtigen. Am besten kann man solche Zielvorstellungen bei der Gestaltung von kognitiven Assistenzsystemen im Kontext von Industrie 4.0 am Beispiel menschlicher Assistenz erklären. Der menschliche Assistent erleichtert einem Experten die Arbeit dadurch, dass er ihm Routineaufgaben abnimmt und für ihn Ressourcen freisetzt, die er für wichtigere Dinge einsetzen kann. Dementsprechend sollte ein Assistenzsystem eine positive Ressourcenbilanz aufweisen. Das bedeutet, es sollen bei der Unterstützung von kognitiven Aufgaben mentale Ressourcen freigesetzt werden und nicht zusätzlich durch Informations- und Assistenzsysteme gebunden werden (negative Ressourcenbilanz).

Der menschliche Assistent kennt seine Grenzen und kann einschätzen, wann und in welchem Ausmaß seine Unterstützung gefragt ist oder zu welchen Zeitpunkten sie eher kontraproduktiv ist. Er lernt den Menschen immer besser kennen und kann sich dadurch besser anpassen, indem er beispielsweise die menschlichen Präferenzen bei der Lösung von Aufgaben erlernt. Wenn der Experte ohne Assistenz arbeiten möchte, so nervt das Assistenzsystem nicht, sondern respektiert die Entscheidung des Nutzers.

Prinzipiell sind im Kontext Industrie 4.0 solche Zielvorstellungen realisierbar, da entsprechende Sensoren, Systeme mit maschinellem Lernen und Netzwerke zur Verknüpfung unterschiedlicher Informationen über den Nutzer und den Arbeitskontext vorhanden sind. Deren Umsetzung erfordert aber die enge Zusammenarbeit von Ingenieuren, Informatikern, Arbeitswissenschaftler, Psychologen sowie Datenschutz- und Ethikexperten, um den Nutzer vor Datenmissbrauch zu wahren und ethisch vertretbare Konzepte der individualisierten Assistenz entwerfen zu können.